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Eucken-Nachlass kommt nach Jena

12.9.2013, Online-Redaktion Verlag Dashöfer, Quelle: Friedrich-Schiller-Universität Jena
Die Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek (ThULB) erhält bedeutende wirtschaftswissenschaftliche und politische Aufzeichnungen.

In Jena nahm eine außergewöhnliche Karriere ihren Beginn, und von hier aus wurde die Volkswirtschaft neu gedacht. Es begann 1891, als Walter Eucken als Sohn des späteren Nobelpreisträgers Rudolf Eucken in Jena geboren wurde. Walter Eucken entwickelte sich zu einem der renommiertesten Wirtschaftswissenschaftler nicht nur Deutschlands. Er gehört zu den Vordenkern der Sozialen Marktwirtschaft und wird auch mit einem nach ihm benannten Preis von der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Jena, die sich seinem Denken verpflichtet fühlt, geehrt. Walter Eucken hat in Jena zahlreiche Spuren hinterlassen. Jetzt ist eine weitere hinzugekommen: Die Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek (ThULB) Jena hat den Nachlass Walter Euckens (1891-1950) und seiner Frau Edith Eucken-Erdsiek (1896-1985) übernommen. Rund 270.000 Blatt an Manuskripten, Briefen und Materialsammlungen sind gerade übergeben worden.

Die Übergabe an die ThULB erfolgte auf Veranlassung der Familie, welche damit ihrem besonderen Vertrauen zur Nachlassverwaltung in der Bibliothek Ausdruck verlieh. „Die ThULB wird sich nach Kräften bemühen, dieses Vertrauen weiterhin zu rechtfertigen“, betont Bibliotheks-Direktorin Dr. Sabine Wefers und ergänzt: „Wir sind uns der besonderen Bedeutung dieser Dauerleihgabe bewusst. Es ist mit der Familie vereinbart worden, dass die Nachlässe in den kommenden Jahren geordnet, verzeichnet und digitalisiert werden, mit dem Ziel, sie der Forschung und interessierten Fachöffentlichkeit in einer frei zugänglichen Datenbank der ThULB zur Verfügung zu stellen.“ Für diese Aufgaben und weitere Forschungen wird extra ein Wissenschaftler eingestellt.

Walter Eucken leistete herausragende Beiträge zur Entwicklung der Wirtschaftswissenschaft. Aber er war nicht nur wissenschaftlich engagiert. Während der Zeit des Nationalsozialismus war Eucken im „Freiburger Kreis“, der wichtigsten akademischen Widerstandsgruppe Deutschlands, aktiv und unterhielt Verbindungen zu anderen Widerstandsgruppen, was in seinem Nachlass eine große Rolle spielt.

Edith Eucken hat sich als Mitherausgeberin des von Walter Eucken unvollendet hinterlassenen zweiten Hauptwerks „Grundsätze der Wirtschaftspolitik“ (1952) verdient gemacht. Für die bundesdeutsche Wirtschaftspolitik der Jahre 1950-70 sind ihre zum Nachlass gehörenden Briefe und Gesprächsprotokolle von großer Bedeutung. Eigenständig ist sie schon früh – seit ihrer Herausgebertätigkeit in der „Tatwelt“ (1925-1935) – als Essayistin mit eindrücklichen Studien und prononcierten Stellungnahmen zu historischen und philosophischen Themen hervorgetreten, die vielfältige Beachtung fanden, so z. B. mit dem Buch „Größe und Wahn“, Drei Essays über Friedrich II., Napoleon und Hitler (1950).

Anhand der ca. 15.000 Briefe von Walter Eucken lässt sich nachvollziehen, welche Diskussionen zwischen Wissenschaftlern und Politikern zur Herausbildung der Ordnungstheorie führten, die über die Reformen von Ludwig Erhard und die bisherige Wirtschaftspolitik der Bundesrepublik hinaus Bedeutung besitzt. Zu den herausragenden Materialien der Nachlässe gehören u. a. Euckens Notizen des Freiburger Kreises, die Einblicke in die Tätigkeit dieser Widerstandsgruppe ermöglichen und die Beziehungen der Freiburger zu anderen Widerstandsgruppen betreffen, zahlreiche Gutachten Euckens zur Wirtschaftspolitik aus dem Zeitraum 1945-49 sowohl für die Besatzungsbehörden als auch für Ludwig Erhard und nicht zuletzt handschriftliche Erinnerungen an den Freiburger Universitätskonflikt mit Martin Heidegger 1933/34, in dem Eucken der Kopf der universitären Opposition gegen die Gleichschaltung der Universität war.

Darüber hinaus erwarten die Jenaer Wissenschaftler neue Erkenntnisse aus den bislang unveröffentlichten Manuskripten. Etwa aus der Vorlesung „Kampf der Wissenschaft“, die Eucken im Sommersemester 1936 in Freiburg gehalten hat und mit der er öffentlich gegen die Wissenschaftspolitik des Nationalsozialismus protestierte. Die Nachlässe Walter und Edith Euckens dürften noch zahlreiche Erkenntnisse bergen, die nun von Jena aus der Wissenschaft zur Verfügung gestellt werden.


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