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Kommentar: Warum Klassiker lesen?

26.7.2018, Markus Hiersche, Quelle: Verlag Dashöfer GmbH
Literarische "Klassiker" kennen viele vor allem noch aus dem Deutschunterricht. Oft sperrig und unzugänglich gehören sie nicht unbedingt zu den beliebtesten Lesestoffen. Doch was sind Klassiker überhaupt und warum sind sie trotzdem lesenswert? Ein Kommentar.

Ob Goethe, Schiller oder Droste-Hülfshoff: Gemeinsam ist allen, dass ihr literarisches Vermächtnis zu den "Klassikern" der deutschen Literatur gezählt wird, die Lektüre ihrer Werke als kulturelles Gemeingut vorausgesetzt wird. Wohl nur die wenigsten können ohne leichtes Schamgefühl offen zugeben, die "Leiden des jungen Werther" nicht gelesen zu haben oder noch nie etwas von Thomas Manns "Zauberberg" gehört zu haben. Klassiker verpflichten. Doch was sind überhaupt „Klassiker“ und was begründet ihre herausgehobene Stellung innerhalb der deutschen Literaturgeschichte?

Nähern wir uns zunächst begriffsgeschichtlich der Frage: Der Begriff "Klassik" – unscharf und vieldeutig – leitet sich aus dem Lateinischen her und ist ursprünglich nicht auf Literatur oder Texte bezogen. Als "classici" bezeichnete man vielmehr die Angehörigen der höchsten römischen Steuerklasse. Eine positive Konnotation schwingt hier jedoch schon mit. Etwas später, aber ebenfalls noch in der Antike, findet sich auch der Begriff des "scriptor classicus", der im Gegensatz zum "scriptor proletarius" einen besonders mustergültigen Schriftsteller charakterisierte. Erstmals wurde der Klassik-Begriff damit auf die Literatur übertragen.

Im 18. Jahrhundert wurde der Klassikbegriff (man denke an die Weimarer Klassik unter Schiller und Goethe) nochmals neu aufgeladen. Die "Klassik" wurde nun zum Programm erhoben: Um mit der als fortschrittlicher geltenden französischen Literatur gleichziehen zu können, sollte nach dem Wunsch einiger Literaten auch der deutsche Raum eine vorbildhafte Nationalliteratur erhalten. Orientieren sollte sich diese streng an den Normen der antiken Kunst, deren überzeitliche "stille Größe und edle Einfalt" (Winkelmann) es nachzuahmen galt. Dies war die Geburtsstunde von für die deutsche Literatur so zentralen Texten wie Goethes Humanitätsdrama "Iphigenie auf Tauris" (1787), das noch heute in vielen Schulen fester Bestandteil des Deutschunterrichts ist. Dieses über die eigene Zeit hinauswirkende Programm der Weimaraner war auf lange Sicht betrachtet durchaus erfolgreich: Noch immer gilt die Goethezeit oftmals als Höhepunkt der deutschen Literatur – ob gerechtfertigt oder nicht, sei dahingestellt. Viele heutige Klassiker stammen jedenfalls aus dieser Epoche.

Klassiker, so kann man es auf den Punkt bringen, sind besondere Meilensteine der deutschen Literatur, die als überzeitlich und als besonders mustergültig empfunden werden. An ihrer Qualität müssen sich andere, auch nachfolgende Schriftsteller, messen.

Was spricht aber nun für die lesende Auseinandersetzung mit Klassikern? Ein oft vorgebrachter Vorwurf gegen diese ist oft ihre nicht zu leugnende Sperrigkeit. Sprache, literarische Form und Gestaltung weichen gerade in Klassikern oftmals entschieden von der Alltagssprache ab: Sei es aufgrund der metrischen Gestaltung (z. B. die Verwendung des Blankverses in Dramen), der schwer zu deutenden Bildsprache oder aufgrund der raffinierten, das Nachdenken fordernden Syntax (z. B. bei Kleist). Auch inhaltlich sind Klassiker oft kein Kinderspiel und können nur mit Mühe erschlossen werden. Schließlich sind philosophische Fragen und Weltanschauungen zentrale Bestandteile, um die sich die Konflikte drehen. Kontextwissen ist folglich meist erforderlich.

In diesen scheinbaren Nachteilen liegen aber gerade auch die Vorteile von Klassikern begründet: Denn gerade Klassiker zeigen uns, was mit der deutschen Sprache machbar und möglich ist und wie sie sich entwickelt hat. Sie zeigen, wie kunstvoll Sprache sein kann und welche Wirkungen sich mit ihr erzielen lassen. Der unbedingte Formwille (und sei es in der Negation der Form) macht sie zu einem den Geist fordernden Leseerlebnis, was nicht bei jedem heutigen Bestseller der Fall ist. Für den Leser oder die Leserin ist es gerade lohnend, auch hinter den Inhalt zu blicken, sich auch auf sprachliche Gestaltung einzulassen. Das schult auch die Ausbildung von Sprachbewusstsein und den adäquaten Umgang mit allen Formen von Texten.

Aber auch die inhaltliche Seite ist nicht zu vernachlässigen: So sehr es Klassikern – wie eigentlich jeder Literatur – auch auf Unterhaltung ankommt, so sehr thematisieren sie auch existentielle und damit wirklich überzeitliche Fragen der Menschheit wie Liebe, Glück, Tod, der Umgang mit Konflikten. Ein Beispiel sei genannt: Goethes viel gerühmte "Iphigenie" ist, obwohl das Drama in der antiken mythologischen Welt angesiedelt ist, brandaktuell: Schließlich dreht sich im Stück alles um die Frage der Humanität, deren Sprachrohr Iphigenie ist bzw. im Laufe des Dramas wird. Entscheidend ist dabei, dass Goethe Humanität im letzten Akt des Dramas sogar dem zuvor Menschenopfer verlangenden "Barbarenkönig" Thoas zuspricht. Humanität ist bei Goethe an keinen Stand, keine Herkunft geknüpft – und vor allem ist diese, die Ideen von Herders "Briefe zu Beförderung der Humanität" aufnehmend, erlernbar. Der Mensch muss nur wollen. Ein Zeichen der Hoffnung gerade in unseren Zeiten.

Also: Holen Sie bei Zeiten mal wieder ihre Klassiker aus dem Schrank oder Ihrem Bücherregal hervor und tauchen Sie in die literarische Welt ein. Es wird Sie garantiert bereichern, versprochen!


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