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Mit Kaffee, Licht und Internet

11.12.2012, Online-Redaktion Verlag Dashöfer, Quelle: Deutscher Bibliotheksverband e.V. (dbv)
Ein knappes Drittel der Bundesbürger besucht regelmäßig Öffentliche Bibliotheken. Das zeigt die aktuelle Nichtnutzungsstudie des Deutschen Bibliotheksverbands e.V. und der Stiftung Lesen. Einerseits werten das die Verantwortlichen als ein ordentliches Ergebnis. Andererseits sehen sie es aber auch als Herausforderung. So finden sich in der Umfrage auch Tipps, wie zumindest ein weiteres Drittel der Bürger für die öffentlichen Kultur- und Bildungseinrichtungen gewonnen werden könnte.

Quelle: Studie zur Nichtnutzung 2012, dbv

Für die Studie „Ursachen und Gründe für die Nichtnutzung von Bibliotheken“ wurde eine repräsentative Befragung durchgeführt. Sie fand statt im Auftrag des Deutschen Bibliotheksverbands e.V. (dbv) und des Instituts für Lese- und Medienforschung der Stiftung Lesen. Gefördert wurde sie durch den Bundesbeauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien. Durch das Feldinstitut IFAK (Taunusstein) wurden 1300 Personen zwischen 14 und 75 Jahren in einer computerunterstützten Telefonumfrage befragt. In dieser für die genannte Altersgruppe repräsentativen Umfrage wurden Nutzer und Nichtnutzer von Öffentlichen Bibliotheken identifiziert. Nutzer sind alle Befragten, die in den zwölf Monaten vor der Befragung eine Öffentliche Bibliothek besucht hatten. Als Öffentliche Bibliotheken zählen Stadtbibliotheken und Büchereien in kommunaler oder kirchlicher Trägerschaft. Schul- oder Universitätsbibliotheken sind nicht gemeint. Die Studie untersuchte erstmals, warum viele Jugendliche und Erwachsene öffentliche Stadt- oder Gemeindebibliotheken nicht oder nicht mehr nutzen und welche Möglichkeiten es gibt, sie (zurück-) zugewinnen.

Kurz vor Weihnachten lesen sich die Empfehlungen, als wären sie für eine Wunschliste geschrieben: Die Öffentlichen Bibliotheken sollten noch mehr in neue – auch elektronische – Bücher, in CDs und DVDs investieren, ihre Räumlichkeiten attraktiv gestalten oder zusätzliche Internetarbeitsplätze einrichten. Mit Investitionen in diesen Bereichen könnten die Kultur- und Bildungseinrichtungen neue Nutzergruppen erschließen. Das sind einige der Ratschläge, die in der aktuellen Studie zur Nichtnutzung Öffentlicher Bibliotheken zu finden sind. Zum diesjährigen Fest dürfte das meiste davon jedoch nicht in Erfüllung gehen. Die öffentlichen Kassen sind vielerorts leer. Solche Wünsche werden die Bibliotheken wohl mit ins neue Jahr nehmen – obwohl ihre Anliegen breiten Bevölkerungskreisen zu Gute kämen.

Für die in diesem Jahr vorgestellte Umfrage des Deutschen Bibliotheksverbands e.V. (dbv) und des Instituts für Lese- und Medienforschung der Stiftung Lesen wurden 1300 Personen im Alter zwischen 14 und 75 Jahren zu ihrem Nutzungsverhalten Öffentlicher Bibliotheken interviewt. Gefördert wurde die repräsentative telefonische Umfrage vom Bundesbeauftragten für Kultur und Medien. „Auf den ersten Blick klingt das Ergebnis nicht schlecht“, sagt Barbara Schleihagen, die Geschäftsführerin des dbv. „29 Prozent der Befragten nutzen demnach aktiv die Öffentlichen Bibliotheken. Vor zehn Jahren waren es genauso viele, das Internet hatte also keine negativen Auswirkungen auf die Bibliotheksbesuche.“ Ein knappes Drittel von ihnen besucht die Bibliotheken mindestens ein- bis zweimal im Monat. Das entspricht acht Prozent der Gesamtbevölkerung der befragten Altersgruppe. Die Nichtnutzungsstudie habe damit gezeigt, dass sich Bibliotheken im digitalen Zeitalter als wichtige Kultur- und Bildungseinrichtung behaupten können.

Doch ein zweiter Blick offenbare eine große Herausforderung: Denn 41 Prozent der Befragten haben zwar früher eine Bibliothek genutzt, sie aber länger als 12 Monate nicht mehr besucht. 28 Prozent gaben an, noch nie in einer Öffentlichen Bibliothek gewesen zu sein. „Die Befragung zeigt also, dass rund zwei Drittel der erwachsenen Menschen in Deutschland den Öffentlichen Bibliotheken fernbleiben“, sagt Schleihagen. „Als zentrale Bildungsakteure können wir uns damit nicht zufrieden geben.“ Die Tipps aus der Umfrage umzusetzen, könne die Situation ändern. Schließlich war ihr Ziel auch, herauszufinden, wie Bibliotheken die Gruppe der Nichtnutzer wieder oder erstmals für sich gewinnen kann.

Die meisten Nichtnutzer kaufen lieber

Befragt nach den Gründen für ihr Fernbleiben haben acht von zehn der Ehemaligen und der Nichtnutzer geantwortet, dass sie sich ihre Medien lieber kaufen. Rund 60 Prozent gaben an, keine Zeit zu haben. Jeder Zweite sagte, er leihe sich Medien bei Freunden und Bekannten. „Diese Ursachen liegen also im persönlichen Bereich und sind für Bibliotheken eher nicht beeinflussbar“, sagt Dr. Simone Ehmig, die Leiterin des Instituts für Lese- und Medienforschung der Stiftung Lesen in Mainz. „Hinter diesen Argumenten wird sichtbar, dass öffentliche Bibliotheken einfach nicht zur Lebenswelt dieser Personen gehören.“ Es hätten sich jedoch andere Bereiche gezeigt, in denen Bibliotheken durchaus eine Rolle spielten.

So gaben 60 Prozent der Befragten ehemaligen Nutzer oder Nichtnutzer an, dass sie die von ihnen gewünschten Medien auf anderen Wegen, etwa übers Internet schneller bekommen könnten. Für rund 40 Prozent seien die Veranstaltungen in Bibliotheken uninteressant. Jeder dritte ehemalige Nutzer und jeder fünfte Nichtnutzer sagte, die Öffnungszeiten der Bibliotheken seien nicht ausreichend. „Darauf könnten Bibliotheken reagieren“, sagt Ehmig. „Viele potenzielle Besucher wünschen sich zum Beispiel einen besseren Zugang zu Medien übers Internet, benutzerfreundlichere Öffnungszeiten am Abend und am Wochenende oder ein anderes Veranstaltungsangebot.“

Die Studie mache deutlich, dass vor allem im Bereich der digitalen Medien ein erhebliches Potenzial liege, Nutzer zu gewinnen, meint Barbara Schleihagen: „Gezielte Investitionen sowie eine größere Auswahl an E-Books, CDs und DVDs sowie mehr Internetarbeitsplätze würden Bibliotheken gerade für junge Menschen attraktiver machen.“ Insbesondere 14- bis 19-Jährige könnte man so auch über die Schulzeit hinaus an Bibliotheken binden. Mehr Licht und helle Farben könnten die Räumlichkeiten attraktiver machen. „Bibliotheken könnten sich als soziale Räume profilieren, in denen man sich trifft oder Veranstaltungen besucht“, ergänzt Simone Ehmig. Dazu würde die Einrichtung einer Cafeteria beitragen, Bibliotheken besser in die Lebenswelten potenzieller Besucher zu integrieren.

Der Grundstein für die Bibliotheksnutzung im Erwachsenenalter wird wesentlich in der Kindheit gelegt. Das ist ein weiteres zentrales Ergebnis der Studie: So haben 62 Prozent der befragten heutigen Nutzer in jungen Jahren mit ihren Eltern eine Bibliothek besucht. Bei den Nicht- oder Nicht-Mehr-Nutzern waren dies jeweils nur 42 Prozent. Wer also schon früh eine Bibliothek kennengelernt hat, nutzt sie auch in höherem Alter mit größerer Wahrscheinlichkeit. „Für uns heißt das, dass Kinder Bibliotheken von klein auf als selbstverständlichen Lebensraum erfahren müssen“, sagt Barbara Schleihagen. Der dbv empfiehlt deshalb, verbindliche Kooperationsvereinbarungen zwischen Bibliotheken und Schulen sowie Kindergärten zügig weiter auszubauen. In dieser Zusammenarbeit erreiche man auch Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern, für die ein Bibliotheksbesuch sonst nicht zum Alltag gehöre.

Zudem sollten Eltern noch intensiver sensibilisiert und aktiviert werden, meint Simone Ehmig. „Bibliotheken sollten attraktiv für junge Familien sein, damit Eltern die Kleinen rechtzeitig mit den Angeboten in Kontakt bringen.“ Die möglichst frühe Lese- und damit auch Bibliothekssozialisation in der Kindheit sei als Präventivmaßnahme von entscheidender Bedeutung.

„Dabei muss man jedoch beachten, dass unsere Handlungsempfehlungen keine pauschalen Rezepte sind“, sagt Simone Ehmig. „Jede Bibliothek steht in einem individuellen Kontext mit unterschiedlicher Bevölkerungsstruktur und Rahmenbedingungen.“ Die Empfehlungen aus der Befragung sollten daher als „Bausteine“ verstanden werden, die je nach Ausgangslage wirksam werden können.

Globale Haushaltssperre in jeder vierten Bibliothek

So eindeutig die Empfehlungen aus der Nichtnutzer-Studie sind, so schwierig werden sie umzusetzen sein. Der im Oktober veröffentlichte Bericht zur Lage der Bibliotheken 2012 zeigt, dass an zusätzliche Angebote vielerorts nicht zu denken ist: Eine Beurteilung der finanziellen Situation von 700 Öffentlichen Bibliotheken hat unter anderem ergeben, dass derzeit in jeder vierten Einrichtung Maßnahmen zur Haushaltskonsolidierung realisiert werden. In weiteren 15 Prozent sind sie geplant. In knapp 23 Prozent der Bibliotheken gibt es eine globale Haushaltssperre. „Unter diesen Bedingungen wird es den Öffentlichen Bibliotheken nach wie vor schwer gemacht, ihren Bildungsauftrag zu erfüllen“, sagt Barbara Schleihagen. „An einen dringend erforderlichen Ausbau der Medienbestände ist da oft ebenso wenig zu denken wie an neue Internet-Arbeitsplätze oder zusätzliche Mitarbeiter, die Kitas oder Schulen entsprechende Angebote machen können.“


Quelle: dbv

Auch im europäischen Vergleich zeigt sich, dass es in Sachen Bibliotheksnutzung in Deutschland noch deutlichen Nachholbedarf gibt: Durchschnittlich nutzen 36 Prozent der Bevölkerung in den EU-Ländern ihre Bibliotheken. In Finnland und Schweden sind es sogar über 70 Prozent, in Dänemark knapp 70 Prozent. Deutschland liegt abgeschlagen im unteren Drittel.

Ein wichtiges Potenzial bilden jedoch die Einschätzungen der Befragten zum Image der Bibliotheken: Unfreundliches oder inkompetentes Personal, zu hohe Nutzungsgebühren oder ein politisch oder weltanschauliches unausgewogenes Angebot waren für die Befragten keine nennenswerten Gründe, um den Bibliotheken fernzubleiben.

Die Studie und weitere Infos im Internet:
www.bibliotheksverband.de/dbv/projekte/nichtnutzungsstudie.html
www.stiftunglesen.de

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